So, hier samma wieder mit einem neuen Bericht.
Wer immer fleißig mitgelesen hat, weiß, dass das vergangene Wochenende zwar schön aber Basti´s Kopf voll mit schweren Gedanken war. Anfang dieser Woche setzte er dem ganzen ein Ende. Am Sonntag sortierten wir gemeinsam seine Gedanken und schrieben diese auf virtuellem Papier nieder. Mit einem flauen Gefühl im Magen startete er am Montag los in die Arbeit und redete mit seinen Kollegen und seinem Chef – dem Brombeerschorsch. Zunächst versuchte er auf diplomatische Art und Weise ihnen zu erklären, dass zwischen seinen Erwartungen, den Anforderungen der Uni Regensburg und dem derzeitigen Praktikum eine gewisse Kluft bestehe. Abends erzählte er mir vom Verlauf des Gespräches. Seinem Chef war scheinbar nicht so ganz klar, was ein Praktikum beinhalten sollte… Für mich hörte es sich auch so an, als wäre er froh darüber, dass Basti mit ihm offen und ehrlich gesprochen hatte und für klare Verhältnisse sorgen wollte. Der Jefe bemühte sich auch um neue Aufgaben für Basti…
Jedoch stellte sich schon am nächsten Tag der alte Trott und auch Basti´s Unzufriedenheit wieder ein. Die neuen Aufgaben wirkten eher wie Beschäftigungsmaßnahmen für den perfektionistischen deutschen Praktikanten, beinhalteten jedoch weder inhaltlich noch methodisch keinen Sinn.
Also beschlossen wir am Mittwoch bzw. am Donnerstag endgültig, dass es wohl die beste Lösung sei, wenn Basti seine 6 Pflichtwochen mit kommender Woche abschließt und sich danach auf andere Dinge konzentriert. Das hieß erneut Gedanken sammeln, sich überlegen, wie man es auf Spanisch sagt und am Freitag wieder mit flauem Gefühl im Magen in die Arbeit. So, wie sagt man motivationslosen Ticos und Ticas im Ministerium, dass man eigentlich alles was sie so machen, für einen riesengroßen Schmarrn hält? Ich habe keine Ahnung! Basti les dijo, erst den Kollegen und dann dem Chef, dass er nun eine endgültige Entscheidung getroffen hat. Diese lautete: nur noch eine Woche fest im Ministerium und dann nur noch so zu sagen Beratungsfunktion mit eventueller Rufbereitschaft falls es Fragen und Probleme bezüglich GIS geben sollte.
Reaktionen: von egal bis plötzliches Interesse an Basti´s bisheriger Arbeit! Die Vogelfreundin meinte nur, dass es schade sei, da sie sich dann nicht mehr sehen würden… Dem Brombeerschorsch scheint es relativ egal zu sein, wo Basti arbeitet, Hauptsache er hat sein GIS… Die redefreudige Silvia verursachte mit hablar en chorros ein schlechtes Gewissen bei Basti und versuchte ihn durch teils unverständliche Redeschwälle vom Gegenteil zu überzeugen… Aber mein Herzblatt blieb standhaft und hielt an seiner Entscheidung fest: nächste Woche ist die letzte Woche im Ministerium!
Mit Erleichterung und bedeutend besserer Stimmung – Basti kann wieder lachen – konnte das Wochenede beginnen!
Ich fertigte erstmal einen Countdown für die verbleibenden Tage bei der Regierung an…
Kurzer Rückblick auf freizeitmäßige Aktivitäten unter der Woche:
Am Montag trafen wir uns am Mall San Pedro und ich führte nun meinerseits Basti in die kleine Welt der niedrigen Preise ein. Wir machten einen kurzen Ausflung ins „Pequeño Mundo“. Mein sich für alles Runde und Rollende begeisternder Mann bekam endlich einen Fußball… den er mir abends gleich mal gscheid ins Gesicht schoß! Wir deckten uns auch mit einem Kilo Schoko-Rice-Crispies ein, besorgten ein weiteres Kissen und andere Dinge des täglichen Bedarfs. Hoch lebe der Erfinder des Ein-Euro-Ladens oder Ähnlichem!
Danach machten wir uns auf die Suche nach einem deutschen Restaurant. Die Suche war zwar erfolgreich, der Laden aber wenig einladend. Also zogen wir es vor italienisch zu essen. Wir entdeckten ein gemütliches Restaurant direkt an den Eisenbahnschienen der einzigen Zugstrecke in ganz Costa Rica – la linea del tren. Die Inneneinrichtung bestand aus antik wirkenden Möbeln aus dunklem Holz, roten Wänden teilweise auch aus Backstein, vielen Bildern und gemütlichem Licht. Das Essen war sehr lecker, aber für costaricanische Verhältnisse auch leider ein wenig teurer. Aber, drauf g´schissen!
Ach ja, für alle Liebhaber der Cucarachas: auf dem Weg zum Restaurant gibt’s einen Gullideckel der sich sehr gut für die Tierbeobachtung eignet… Nur als kleiner Tip am Rande.
Am Mittwoch Abend statteten wir dann unseren deutschen Nachbarn einen kleinen Besuch ab – natürlich mit Gastgeschenk… holländischem schnapsähnlichem Getränk. Hier sei ein kleines Dankeschön an unseren orangefarbenen Freund gerichtet – muchas gracias, Niek, nos gustó muchissimo!
Der folgende Tag – übrigens ist auch hier der erste Mai Tag der Arbeiter und somit Feiertag – bestand aus telephonieren und dann die Wohnung mit Spanisch-Vokabeln pflastern. Somit konnten wir zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: der schlechte costaricanische Geschmack in Bezug auf die Inneneinrichtung konnte etwas übertüncht werden und auch unser Wortschatz erweiterte sich dabei spielend (learning by doing – something).
Außerdem fühlte ich mich durch die bunten Papierfetzen dermaßen inspiriert, dass ich gleich mal zwei Countdown-Wandbilder bastelte – getreu all den Vorurteilen, die man gegenüber allen in der sozialen Arbeit tätigen Menschen haben kann. Also wie gesagt, ein Countdown für Basti´s verbleibende Zeit im Ministerium und ein Countdown für die Ankunft von meiner allerliebsten Schwester und dem allerliebsten Freund meiner Schwester! Nur noch 7 Tage und dann san 2 Bayern mehr im Ticoland!!!
Nun, liebe Leser, folgt die Beschreibung eines unglaublich schönen Wochenendes an dem wir die übermäßige Gastfreundschaft der Ticos genießen durften…
Am Freitag waren wir bei Johanna (einer meiner Kolleginnen) zum Mittagessen eingeladen. Sie holte uns am Outlet Mall ab und wir fuhren gemeinsam nach Concepción, einer Ortschaft bei Tres Ríos. Die Umgebung wirkt sehr ruhig und friedlich, trotzdem sind die Häuser eingezäunt und mit Gittern an den Fenstern versehen. Johanna führt uns zu einer Reihenhaussiedlung mit Sackgasse, an deren Anfang befindet sich ein großes Eisentor inklusive Tag- und Nachtwächter der uns freundlich begrüßt und das Tor öffnet. Der uns ansonsten entgegenschlagende schlechte Geschmack der Ticos ist hier in keinster Weise vorzufinden. Das kleine, zwischen andere Häuser „eingeklemmte“ Gebäude ist äußerst geschmackvoll eingerichtet: schlichte Möbel aus dunklem Holz, orange Kissen, viele Kerzen, für meinen Geschmack gute Bilder (bald hängen auch zwei von mir in diesem Haus!) und einem Duschvorhang von der Sesamstraße. Außerdem genießen sie den Luxus eines Gartens! Und das alles gibt’s hier für nur 40 000 Euro all inclusive. Ach ja, übrigens heißt hier Kermit der Frosch aus der Sesamstraße „Rana René“…
Wir verbringen fast 8 Stunden bei meiner quirligen und so herzlichen Kollegin, wir fühlen uns sehr willkommen und überaus wohl. Wir werden mit unglaublich köstlichem Essen verwöhnt, bringen ihr das Ballspiel „Kirschen gegessen“ bei, spielen ein paar Runden UNO, hören gute Musik, trinken ein wenig Alkohol und lachen viel… Basti erfindet einen neuen Ausdruck auf Spanisch: la actividad de los moncos. Besser könnte es einfach nicht sein! Diese unglaubliche Herzlichkeit und Unkompliziertheit lässt das Heimweh weniger werden und mit einem überaus wohligem und zufriedenem Gefühl machen wir uns abends mit dem Bus auf den Heimweg…
Am Samstag heißt es dann erstmal ausschlafen. Basti kränkelt ein wenig vor sich hin und es gelingt mir auch nicht, ihn mit einem guten Frühstück aufzuheitern. Er fühlte sich die letzten Tage über immer wieder ein wenig unwohl, aber ich verordne ihm Gurgeln mit Salzwasser, Tropfen gegen allgemeines Unwohlsein, Inhalieren mit Minzöl, Ingwertee mit Honig und zum Schluss noch eine Tablette Ibuhexal. Nach diesem Rundumschlag an Heilungsmethoden machten wir nachmittags einen kleinen Stadtbummel mit Kathrin und Lorenz. Eigentliches Ziel dieses Besuchs im Stadtzentrum war das Geschäft „Zodiac“. Dort kann man so ziemlich alles kaufen, was das Holzperlen-Samen-Edelstein-Herz begehrt. Dieser kleine Laden ist die Hauptversorgungsquelle für Materialien zur Schmuckherstellung in meiner Arbeit. Wir haben geshoppt was das Zeug hält, schließlich müssen wir ja auch an die Zukunft denken: falls es Basti nicht gelingen sollte, eine neue Praktikumsstelle zu finden, hat er nun immer noch die Möglichkeit, Ketten und Ähnliches herzustellen und als ausländischer Straßenverkäufer in Costa Rica Karriere zu machen. Seine türkisfarbenen Augen sind hier bestimmt bei den weiblichen Interessenten sehr werbewirksam!
Wie sich bestimmt jeder vorstellen kann, ist so eine Shoppingtour sehr anstrengend. Deshalb genehmigten wir uns danach erstmal einen Open-Air-Cappucchino im Café de la Posada.
Abends stand wieder mal Jazz Café auf dem Plan. Diesmal mit internationaler Runde: Costa Rica > Johanna mit Freund Didier und der Tochter meiner Chefin – Mariana. Deutschland: Kathrin und Lorenz (unsere Nachbarn), Dorothea (Academia Tica), Steffi (Kollegin von Kathrin und Lorenz) und unsere Wenigkeiten. USA: irgendeine junge Dame deren Namen ich vergessen habe und die auch vorher noch nie gesehen hatte. Niederlande: Susan (Academia Tica).
Es war ein überaus lustiger Abend mit der gleichen Band wie beim letzten Mal aber dafür mit anderem Programm. Das Tico-Bier schmeckte mal wieder vorzüglich und so kamen wir gemeinsam mit Lorenz und Kathrin auf insgesamt 15 jarras… und weil´s so lustig war, machten wir nach dem Konzert noch einen kleinen Abstecher zwecks dem sarpe (das letze Bier des Abends) in die Calle de Amargura. Die Runde war zwar zu diesem Zeitpunkt kleiner aber nicht weniger lustig. In irgendeiner der zahlreichen Bars bestellten wir ein Bier, versuchten dem schön anzuschauenden Beispiel von Johanna und Didier zu folgen und uns zu Salsa-Rhythmen zu bewegen und Kathrin und ich gaben eine kleine Gesangseinlage zu Bon Jovi´s „Always“ zum Besten. Der Spaß fand allerdings ein schnelles Ende als zwei Ticas anfingen zu kämpfen und plötzlich auch mit Bierflaschen zu schmeißen, die nur um 4 cm meinen Kopf verfehlten. Die beiden Weiber wurden zwar der Bar verwiesen, setzten ihren Kampf jedoch unter den Blicken von zahlreichen Schaulustigen auf der Straße fort… Diese Gelegenheit nutzten - schon in der Bar - einige Typen um sich auch mal kräftig eins auf die Schnauze zu haun!
Wir verließen also den Schauplatz des Geschehens und verabschiedeten uns von meiner Lieblingskollegin und ihrem überaus sympathischem Freund – der übrigens genau so herzlich ist wie sie. Etwas schockiert aber jedoch gut gelaunt machten wir uns auf den Heimweg. Also, Calle de Amargura wird ab sofort von uns gemieden – mit Ausrufezeichen an alle besorgten Eltern, Großeltern und sonstige Verwandte!
Ach ja, Basti und Lorenz haben nun endlich nach monatelanger Fußballabstinenz die Möglichkeit, wieder a bissal zu spielen. Didier nimmt die beiden bald mal mit zu futból 5… Gott sei´s gedankt!
Nach einer relativ kurzen Nacht – wir waren erst so um 2.30 morgens zu Hause – ging´s mit Patricia (meiner Chefin) und ihrem Mann Javier auf zur feria de agricultura in Zapote. Hier bot sich uns typisch costaricanische Marktkultur in Höchstform. Die Anbieter diverser Früchte- und Gemüsesorten, Wurst- und Fleischwaren und anderen leckeren Dingen waren auf ungefähr 150 Stände verteilt. Wir konnten richtige Marktschreier in einem bunten Gewurle aus Menschen miterleben und deckten uns mit allerlei Frischwaren ein – endlich auch a gscheide Wurschd!!!
Nach erledigtem Einkauf fuhren wir mit vollen Taschen und neuen Geschmackserlebnissen zu Patricia nach Hause und folgten somit der nächsten Einladung zum Mittagessen.
Dort angekommen bot sich uns ein Anblick den man nach bisherigen Erfahrungen in einem Tico-Haushalt nicht erwartet hätte. Bei dem Haus und bei der ganzen Familie merkte man die Weltoffenheit, das Interesse und das Gefühl für Neues und Ästhetisches. Das ganze Haus war mit viel Liebe zum Detail und einem großen Ausmaß an Kreativität und Geschmack eingerichtet. Viele Dinge waren selbst gestaltet, mit Sorgfalt ausgesucht und genau an der richtigen Stelle plaziert. Eines der vielen Schmuckstücke ist eine alte dunkle Holztür mit bunten Glasfenster die circa 100 Jahre alt ist. Den Aufgang zu einem galerieartigen Wohnbereich im zweiten Stock ziert eine von Javier selbst gefertigte Treppe aus einer Mischung aus Sand, Steinen und Muscheln in organischen Formen die an die Gestirne Sonne und Mond erinnern. Im Essbereich befinden sich massive Stühle aus kleinen Stücken von Kokosholz, an den Wänden hängen geschmackvolle Bilder und wenn man das Auge schweifen lässt, entdeckt man so ziemlich in jeder Ecke eine kleine Besonderheit wie z. B. Windspiele aus Ton, Stein und Muscheln.
Das Essen war wieder mal hervorragend und komplett selbst gemacht – auch das Eis das es zum Nachtisch gab. Die Familie pflegt einen überaus harmonischen Umgang miteinander, den auch wir genießen durften. Wirklich alle, auch die zwei Söhne und die Tochter, sind überaus sympathisch und gastfreundlich. Wir werden unglaublich herzlich aufgenommen und mit allem versorgt, was für unser Wohlbefinden notwendig ist. Wir erhalten kleine Geschenke in Form von Essen, Schmuck und für mich ein T-Shirt.
Mich beschämt diese Herzlichkeit und Gastfreundlichkeit fast schon ein wenig und ich mache mir dort bereits Gedanken, wie ich mich dafür revangieren kann… Diese Menschen strahlen eine große Zufriedenheit und Bescheidenheit aus, sind sehr interessiert an anderen Kulturen, erzählen bereitwillig und meiner Ansicht nach sehr objektiv von der eigenen Lebensweise. Sie verabschieden uns mit einer erneuten Einladung, der wir natürlich con mucho gusto folgen werden!
Und hier noch die nächste Gewinnfrage:
Wie heißt Kermit der Frosch auf Spanisch hier in Costa Rica?
Zu gewinnen gibt es diesmal:
Das Wunschbild des Gewinners aus unserer nicht gerade kleinen Photosammlung als DIN-A 4 Ausdruck.
Viel Glück!!